INTERNATSVERZEICHNIS 

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Unser Spezialthema:

Mythos Internat - Wunderbare Märchenwelt der Internate?

Liebe Besucher dieser Webseite!
 
Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Lernen hat, die Eltern mit der Erziehung überfordert sind, individuelle Begabungen und Talente am Wohnort keine ausreichende Unterstützung finden und der Weg zu geeigneten Bildungsstätten zu lang wäre, wenn eine Familie als Ort der notwendigen Geborgenheit und Versorgung fehlt oder die Sorgeberechtigten ihren Wohnsitz aus beruflichen Gründen sehr häufig wechseln bzw. ins Ausland verlegen müssen... (die Liste der Gründe ließe sich sicherlich noch erweitern), dann erscheint es vernünftig, sein Kind einem Internat anzuvertrauen, das genau die Aufgaben zuverlässig erfüllt, die auf andere Weise eben nicht mehr hinreichend bewältigt werden können.
 
Ebenso vernünftig ist es, wenn der Staat oder bestimmte gesellschaftliche Institutionen zentrale Ausbildungsstätten mit Wohnheimen einrichten, die der Sicherung und Förderung des  Nachwuchses für bestimmte Berufssparten, Wissenschaft, Kunst, Leistungssport usw. oder der Förderung von jungen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten bzw. solchen mit Benachteiligungen und Handicaps dienen.  Seit Jahrhunderten wurden und werden auch heute noch Internate gegründet, um dem jeweiligen gesellschaftlichen oder individuellen Bedarf zu entsprechen.
 
Allerdings sind auch an Internate - wie an sämtliche gesellschaftlichen Institutionen - bestimmte Qualitäts-anforderungen zu stellen, die dafür sorgen, dass die jeweiligen Aufgaben auch erfüllt und bestimmte Standards eingehalten werden, die dem Schutz der Kinder und Jugendlichen in den Einrichtungen dienen. Mit anderen Worten: Es muss nicht nur gewährleistet sein, dass die Zweckbestimmungen und Zielsetzungen der Institute eingelöst werden, sondern deren Einlösung darf nicht in Gegensatz geraten zu den allgemein anerkannten Normen einer rechtsstaatlich verfassten und an einem humanistischen Werte-system orientierten Gesellschaft.
 
Es entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung, dass es hierbei im Widerstreit unterschiedlicher Auffassungen, Interessen und (wirtschaftlicher! personeller!) Rahmenbedingungen immer wieder zu Diskrepanzen kommt; sei es, dass Einrichtungen mehr versprechen als sie halten können, Konzepte oder Personen versagen, individuelle Rechte oder dass berechtigte individuelle Bedürfnisse missachtet werden. Hier bedarf es, um Missständen entgegen zu wirken, nicht nur institutionalisierter Kontrollinstanzen, die - wie der 2010 ans Licht der Öffentlichkeit gelangte Skandal um sexuellen Missbrauch und Gewalt in zahlreichen Heimen und Internaten gezeigt hat - leider selbst ähnlich anfällig sind für Ineffektivität und Dysfunktionalität, sondern des Engagements und der Wachsamkeit der gesamten Gesellschaft. Eben darum widmet sich die AVIB gemn. e.V. dem Thema Internatsangebot und Internatserziehung im Rahmen der Ver- braucherberatung und Verbraucheraufklärung.
 
Unser Spezialthema "Mythos Internat - Wunderbare Märchenwelt der Internate?" gehört genau in diesen Kontext. Es mag zwar falsch sein, den Konsumenten der Dienstleistung Internatserziehung eine größere Irrationalität oder Emotionalität ihres "Kaufverhaltens" zuzuschreiben als den Konsumenten anderer Waren und Dienstleistungen. Hiergegen sprechen die Erkenntnisse der modernen neuropsychologischen Markt- und Kommunikationsforschung bzw. die Methoden des sog. Neuromarketings, die derzeit die Werbewirtschaft  revolutionieren. Es genügt aber die Beobachtung, dass die Eigenwerbung der Internate und erst recht die Verkaufsstrategien einer profitgierigen Internatsmakler-Zunft die irrationale Erwartungs-haltung der potenziellen Kundschaft (Lesen Sie hierzu bitte auch Ley/Fitzek: "Alltag im Wunschformat" sowie Oliver Trenkamp: "Der Schüler als Kunde" !) bedenkenlos ausnutzen und bestehende Mythen für die eigene "Verkaufe" zu instrumentalisieren, anstatt aufklärend zu wirken. Hierdurch entsteht erheblicher Schaden. Denn nicht nur bei den Eltern, sondern zunehmend auch bei den Kindern und Jugendlichen werden vollkommen überzogene Erwartungen geweckt, die die Internate niemals oder nur unter Preisgabe ihrer Seriosität erfüllen können. Mögen damit zunächst vordergründige Bedürfnisse der Kundschaft nach sozialer Exklusivität, Luxuskonsum, Selbstperfektionierung und -inszenierung sowie eine (selbst-)verwöhnende und verwöhnte Anspruchshaltung bedient und befriedigt werden. Es entstehen aber gleichzeitig - ungeachtet einer desaströsen Forschungslage zur tatsächlichen Wirkung von Internats-erziehung bzw. eindeutig  e n t g e g e n  gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen - in den Vorstellungen der zahlenden Eltern pseudoplausible Internats-Dogmen, die den Druck auf den Internats-Eleven - insbesondere angesichts horrender Beträge, die unter Umständen für einen mehrjährigen Aufenthalt im Luxusinternat hingeblättert werden müssen und sich oft genug als 'rausgeschmissenes Geld erweisen -  bis ins Unerträgliche steigern. Denn was ist, wenn Verhalten und Leistungen sich  n i c h t  - wie unrealistischerweise erwartet - von Zauberhand bessern, trotz der schöneren Umgebung mit hohem Freizeitwert, der vermeintlich "engagierteren" Lehrkräfte, der besseren Personal- und Lehrmittelaus-stattung, der kleineren Klassen, der handverlesenen Mitschüler(innen)? Was ist, wenn sich die dunkle Kehrseite der pädagogischen Idylle herausstellt: Mobbing, negativer Gruppenzwang, Alkohol- und Drogen-konsum, sexuelle Nötigung und Verwahrlosung, schlechte Gesellschaft mit ihren zusätzlichen Risiken, Lehrlauf und Langeweile, nicht ausreichendes oder fachlich bzw. charakterlich unqualifiziertes Personal, mangelnde oder ineffektive Lernhilfen, niedriges Unterrichtsniveau durch schlechte Schülerauswahl, Betreuungslücken und damit zu große Freiheiten, fehlende  Einhaltung von Regeln usw., usw.
Die Kinder und Jugendlichen, die oft bereits die Erwartungen der Eltern enttäuscht oder im Vergleich mit erfolgreicheren Geschwistern die Rolle des "schwarzen Schafs" der Familie oder "Versagers" internalisiert haben,  werden nun in Haftung genommen für ausbleibende Erfolge, die sich aber unter den Internatsbedingungen niemals einstellen konnten. Oder aber - auch das ist gar nicht so selten - es entsteht eine Art Kumpanei zwischen Internat, einzelnen Pädagogen und dem Internatsschüler, um den Eltern den Erfolg lediglich vorzutäuschen. Erst im Nachhinein stellt sich heraus, dass das Abschlusszeugnis mit den schönen Noten nicht das Papier wert ist, auf das es gedruckt wurde.
 
Von daher sehen wir es als unsere Aufgabe an, den "Mythos Internat" kritisch zu hinterfragen. Denn nichts schützt zuverlässiger vor Enttäuschungen und Fehlinvestitionen als Nüchternheit und Vernunft!
In diesem Sinne: Viel Spaß beim "Entmythologisieren"!
 
Viele Grüße
Internatsberatung der AVIB gemn.e.V.
Ulrich Lange
Geschäftsführer   

Yvonne Scheller: Harry Potter macht Lust aufs Internat

>> Der Tag im Loburger Bischöflichen Internatsgymnasium Collegium Johanneum beginnt mit einem Gebet vor der ersten Schulstunde. Dann folgt ein Schultag, wie - fast wie - an jeder anderen Schule auch. Denn das Collegium Johanneum ist "eine freie Schule mit staatlich anerkannten Abschlüssen", so Schul- und Internatsleiter Günter Witthake. Mit dem Unterschied, dass die Privatschule schnell auf gesell-schaftliche Veränderungen reagieren kann - wie etwa mit einem bilingualen Zweig auf das Zusammen-wachsen Europas. [...] Ein Notendurchschnitt von zwei in der 5. Klasse ist Voraussetzung für die Annahme am Johanneum, ebenso wie Gemeinschaftssinn und eine christliche Konfession. Unter bestimmten Bedingungen gibt's Ausnahmen. Eine christliche Grundeinstellung jedoch sollte schon mitbringen, wer sich auf einen der 120 bis 130 Plätze bewirbt", so Witthake. Das Schulgeld liegt bei 640 Euro im Monat. Früher war das Schloss ein reines Jungen-Internat, doch seit zwei Jahren setzt das Johanneum auf Koedukation.
Ein Schritt, den das "Internat der Benediktinerabtei Ettal" noch vor sich hat. Erste Überlegungen gibt es zwar, doch bislang lernen in der ehemaligen Ritterakademie nur Jungen - und das an sechs Tagen in der Woche. [...] "Diese Einteilung ermöglicht es uns, bis zur 10. Klasse den Unterricht auf fünf Stunden am Vormittag zu beschränken. Der Nachmittag ist dann frei. Diese gleichmäßige Verteilung von Schule und Freizeit ist gut für das seelische Gleichgewicht", begründet Pater Paulus Koci, seit zwölf Jahren Direktor des Internats, die Unterrichtseinteilung. Er weiß, warum Eltern ihre Kinder zu ihm ins Internat geben: "Sie möchten, dass ihre Kinder auch ihre Freizeit in einer christlichen Wertegruppe verbringen." Oft sind es aber auch die Kinder, die sich für ein Internatsleben entscheiden: "Harry Potter hat sehr zur Faszination des Internats beigetragen. Bei uns gibt es zwar keine fliegenden Besen, aber nun gut", schmunzelt Koci.
Mit gut 500 Euro im Monat müssen Eltern rechnen, die ihren Nachwuchs ab der 5. Klasse in der ehrwürdigen Abtei erziehen lassen wollen. Dazu müssen die Kinder getauft sein und über grundlegende soziale Kompetenzen verfügen. Denn mit 135 Kindern zusammenzuleben liegt nicht jedem. "Wir haben den Ruf, unheimlich streng zu sein, obwohl unsere Regeln im Vergleich zu anderen christlichen Internaten vielleicht sogar durchaus liberal sind. Aber die Regeln, die wir auf- stellen, werden auch konsequent durchgesetzt."
Ihre liebe Not mit den Regeln haben alle Internate. Ephorus Markus Henrich, Internats- und Schulleiter des Evangelischen Seminars Maulbronn, weiß, wovon er spricht: "Sie können die Regeln so eng oder weit fassen, wie sie wollen, die Jugendlichen werden immer an die Grenzen gehen." Etwa beim Aufnahmeritual für die Neuen, der Taufe im See. Henrich toleriert solche Rituale, solange "die Würde des Einzelnen nicht verletzt wird".
 

Quelle: Welt Online vom 27.10.2002


 


 

Internate:
Zwischen Harry-Potter-Romantik und Jugendstraflager

>> Den Trend zur Ganztagsschule begrüßen viele Eltern, Privatschulen verzeichnen einen Boom, gerade die konfessionellen Schulen sind beliebt. Und dennoch können Internate in Deutschland davon nicht profitieren - im Gegenteil: Die Schülerzahlen sinken sogar seit Jahren.
Das Bild vom Internat ist seit Jahrzehnten durch Filme und Fernsehen geprägt, von "Hanni und Nanni" über "Harry Potter" bis jüngst zur ZDF-Serie "Die harte Schule der 50er Jahre". In Großbritannien spielen Internate seit eh und je eine wichtige Rolle im Schulwesen; in Deutschland indes glauben die Eltern nicht recht an eine SchulIdylle. Internate gelten eher als letzter Ausweg, mit dem Eltern ihren lernschwachen Kindern drohen können. "In England darf man aufs Internat, in Deutschland muss man", fasst Volker Ladenthin die Wahrnehmung hierzulande zusammen.
[...] Außerdem, so der Forscher, lasse sich klar erkennen, dass viele Eltern im Internat eine heile Welt suchen. So verbinden viele Eltern mit dem Wort "Internat" auch ein Schloss. "Eltern suchen nach Mauern, die das Böse von ihren Sprösslingen fern halten." Und das sei auch der Punkt, bei dem die Befragten konfessionellen Internaten besonders hohe Kompetenz zugestehen.
Für die Internate sieht der Bonner Pädagoge gute Chancen im Wettbewerb der Schulformen - wenn es ihnen gelinge, das Angebot und die pädagogischen Konzepte auf die Erwartungen der Eltern abzustimmen. Gänzlich falsch wäre es laut Ladenthin, allein mit dem Disziplin-Argument punkten zu wollen: Mit einem "Wenn sie mit ihren Kindern nicht fertig werden, kommen sie zu uns!" hätten Internate schon so gut wie verloren. <<

Quelle:  Spiegel Online Schulspiegel 23.06.2005

 

Michael LEY und Herbert FITZEK: Alltag im Wunschformat. Über Internatserzie- hung im Blick der Eltern

>> Nicht erst seit Harry Potter bilden Erzählungen über das Leben in Internaten ein eigenes literarisches Genre. Im Unterschied zu den eher düsteren Zügen, die wir den Internaten bei unseren privaten Einschätzungen verleihen, werden sie hier oft als Orte für utopische Entwicklungs- und Lebensentwürfe beschrieben: so als ließe sich unser Alltag in der abgeschlossenen Welt der Inter- nate noch einmal komplett neu und anders in den Griff nehmen.
An der Universität Bonn haben wir uns für das Thema Internate interessiert, weil wir davon aus- gegangen sind, dass sich die Ansprüche, die heute an Schule und Erziehung gestellt werden, im Zu- sammenhang mit Internaten möglicherweise viel deutlicher in den Blick rücken lassen als an anderen Stellen. Das Bild von Erziehung, das durch die Internate repräsentiert wird, ist sicherlich ein sehr altes Bild, und in unserer heutigen Kultur ist es auch eher an den Rand der offiziellen Ausbildungssysteme getreten. Andererseits ist dieses Bild aber immer noch sehr lebendig, und das spricht dafür, dass hier sehr wirkmächtige Gestalten am Werk sind, die in anderen Schulformen allenfalls verdeckt zum Zuge kommen können.
[...] In unserer Untersuchung haben wir uns dem Bild von Internaten angenähert, indem wir die Erwar- tungen der Eltern von Internatsschülern untersucht haben. [...] In Schule, Bildung und Erziehung sind die Eltern immer so etwas wie die unsichtbaren Dritten. Selbst wenn sie physisch gar nicht anwesend sind, bestimmen sie das Selbstverständnis, die Ansprüche, aber auch die Auftritte und das Wirken einer Institution auf entscheidende Weise mit.
[...] In den Internatsfamilien lässt sich das Spiel mit unterschiedlichen Entwicklungszuständen relativ lange aufrecht erhalten. Unterstützt wird dieses System häufig durch eine Reihe von Hilfskon-struktionen, zu denen vor allem die Konstruktion des schwierigen Kindes gehört. Hier werden die Probleme von Eingrenzung und Festlegung, die eigentlich das Familiensystem im ganzen betreffen, gleichsam stellvertretend auf ein bestimmtes Familienmitglied delegiert und damit gleichzeitig vom Umsatz in der umfassenden Familiendynamik isoliert. Obwohl die Eltern mit einem solchen Problem- kind häufig von einem Arzt zum anderen laufen, bleiben die strukturellen Probleme der Familie dabei lange Zeit unbehandelt (BATESON 1969, RICHTER 1972). Demgegenüber markiert die Pubertät jedoch eine Stelle, an der sich die Konstruktion des schwierigen Kindes nicht mehr halten lässt.
In der Pubertät beginnen die Kinder gegen das Unterbringen in symbiotischen Entwicklungsgestalten zu rebellieren und die Ansprüche auf eine eigene Lebensform deutlicher als bisher einzufordern: Die Pubertät ist nicht nur eine Phase beschleunigter körperlicher und intellektueller Entwicklungen, sondern nach ERIKSON (1959) auch die Lebensphase, in der die Ausbildung einer eigenen und abgrenzbaren Identität in den Mittelpunkt der Entwicklung rückt. Damit stellt sich auch für die Familie die Frage, welche entschiedene Gestalt sie sich, angesichts vielfältiger Lebensmöglichkeiten, zu eigen machen will. In den Internatsfamilien führt das erneute Aufbrechen dieser Frage zu schwerwiegenden Krisen. Was in traditionellen Familien vielfach als Chance zu Neu- orientierung und Weiterentwicklung verstanden werden kann, das äußert sich im System der Patchwork-Familien als ein gewaltsames Provozieren von Festlegungen: Es entbrennt ein Kampf um Lebens- und Sinnrichtungen, der ohne Übertreibung als ein Kampf auf Leben und Tod bezeichnet werden kann.
So berichten unsere Interviewpartner durchgängig von einem nervenaufreibenden Kleinkrieg, der sich vor allem an den banalen Aufgaben des Alltags entzündet: Scheinbar einfache Hand- lungen wie Aufstehen, Aufräumen, Hausaufgaben-Machen lassen sich nur mit viel Ge- schrei, mit wechselseitigen Drohungen und Erpressungen durchsetzen. Nicht selten werden gewalttätige Handgemenge erwähnt, die bei den Beteiligten körperliche Verlet-zungen zur Folge haben.
Gewalttätiges findet sich auch im sozialen Umgang außerhalb der Familien: Gewalt in Schulen, Schlägereien, Einbrüche und Diebstähle. Gleichzeitig stellen wir fest, dass sich frühkindliche Symptombildungen verschärfen:
Versinken in unentschiedenen und vorgestaltlichen Zuständen, Drogen und Süchte tauchen als Problem auf, unter Mädchen ist Magersucht weit verbreitet.

[...] Die Krisen und Konflikte, die durch die Pubertät zugespitzt werden, bestimmen zugleich die Erwartungen an die Internatserziehung. Es ist eine ausgesprochene Notsituation, in der sich die Familien an die Internate wenden. Sie kommen nicht freiwillig oder weil sie ihren Kindern etwas Gutes tun wollen, sondern weil sie in einer erheblichen Klemme stecken, aus der sie durch eigene Kraft nicht mehr heraus können.
Für die psychologische Einschätzung der Erwartungen, mit denen wir es im Umfeld der Internate zu tun haben, scheint es erforderlich, den eigentümlichen Charakter der Elternwünsche überhaupt einmal zur Kenntnis zu nehmen. Was die Eltern äußern, das sind offenbar alles andere als vernünftige Überlegungen oder Erwartungen. Statt dessen stellen wir fest, dass die Eltern den Internaten sehr wirkmächtige Einflussnahmen zutrauen. Sie haben mit Steigerungen von Lebensmöglichkeiten zu tun, die über die Begrenzungen, wie sie sich in den eigenen Familien finden, teilweise weit hinausgehen. Nach unserer Ansicht sind solche Erwartungen allerdings noch nichts, was bereits den spezifischen Charakter der Internatsbilder kennzeichnen würde. Den Wunsch nach idealen Entwicklungsbildern finden wir vielmehr auch anderen Stellen, an denen wir es mit Schule und Erziehung zu tun haben, und es wäre sicher reizvoll, würde man die vier Motivgruppen, in denen wir die Erwartungen der Eltern sortiert haben, einmal mit den Erwartungen vergleichen, die heute beispielsweise im Zusammenhang der Diskussionen um die Ganztagsschulen oder um die Aufgaben der deutschen Kindergärten artikuliert werden: Schule scheint immer mit einer Tendenz zur Idealbildung verbunden zu sein. Sie soll das richtig und fehlerlos schaffen, wovon die Eltern selbst wissen, dass sie es nur ganz fehlerhaft verrichten können (LANGEVELD 1960).
[...] Indem die Familien ein einzelnes Mitglied ins Internat schicken, wollen sie die Probleme des Familiensystems [...] durch eine gleichsam neutrale Institution beglaubigt wissen: Die Internate sollen den Eltern sozusagen bestätigen, dass sie es mit ihren Sprösslingen auch wirklich schwer haben. Gleichzeitig sind die Eltern daran interessiert, dass irgend etwas gegen diese Schwierigkeiten unternommen wird, und wiederum gleichzeitig verlangen sie, dass dabei die problematischen Strukturen innerhalb der Familien möglichst nicht angetastet werden: Die Problematik soll gleichsam in den Internaten abgeladen werden und das Kind dadurch seine Familientauglichkeit zurückerhalten.
Die psychologische Realität der Internate, wie sie sich aus Sicht der Eltern darstellt, dreht sich daher um eine Konstruktion, die ausgesprochen widersprüchliche Züge vereinen soll:
Aus Sicht der Eltern stehen die Internate vor der (unmöglichen) Aufgabe, die Familien zu entlasten, ohne sie zu enteignen, abzuhelfen, ohne anzustrengen und eine Wiederkehr der Kinder zu garantieren, ohne eine Wieder- kehr der zugrunde liegenden Entwicklungsproblematik zu unterstützen.

Quelle: ZFI-Archiv

 

Holger Kreitling: Was von Harry Potter übrig bleibt - Gewinner und Verlierer

>> Dank Schloss Hogwarts hat der Internatsaufenthalt bei Schülern seinen Schrecken weitgehend verloren. Auch in Deutschland. Hierzulande waren Internate nie wohlgelitten. Nun träumt eine neue Generation von einer Schule, wo die Eltern fern sind und die Gemeinschaft groß. Die Erziehungsanstalt passt in die aktuelle Bildungsdebatte als ultimativer Karrierebe-schleuniger. Hier werden Netzwerke gebildet und künftige Bürger geformt. Zu Schloss Hogwarts sei allerdings erwähnt, dass es dort saukalt sein muss. Nie ist von Heizungen die Rede, allenfalls von Feuern in Kaminen. Ist Hexerei im Spiel? Frieren Briten weniger? Internatszöglinge, seid gewarnt. <<

                                                                                               Quelle: Hamburger Abendblatt vom 11.11.2010


Ulrich Lange: Harry Potter und die Heiligtümer der Reformpädagogik

>> Auf dem Höhepunkt einer medialen Image-Kampagne, die die einstigen "Lazarette für Schulversager" zu elitären "Kaderschmieden mit Karrieregarantie" (manager-magazin) hochzustilisieren versuchte, wurde das Jahr 2010 für die deutschen Internate zum "annus horribilis". Doch obwohl die Aufdeckung zahlreicher Fälle von Gewalt und sexuellem Missbrauch auch nach etlichen Monaten kaum mehr hat sichtbar werden lassen als die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, mehren sich bereits die Versuche, die abstoßenden Enthüllungen aus rund drei Dutzend Instituten mit guten Nachrichten zu übertünchen. Und schon ist an Einrichtungen wie dem Bonner Aloisiuskolleg oder der Odenwaldschule deutlich zu spüren, dass die Opfer schnell lästig werden, wenn ihre Anklagen und Entschädi-gungsforderungen den "guten Ruf" und den Bestand jener Einrichtungen gefährden, in denen die nicht Betroffenen gern weiterhin ihre Problemkinder verstecken und ihre Netzwerke knüpfen würden. <<

Auslaufmodell Internat?
Oft geleugnet, aber in nachfolgendem Video wieder einmal eindeutig dokumentiert:

INTERNATSBERATUNG
der Arbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz im Bildungs- und Erziehungswesen (AVIB) gemn. e.V.
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